Nach 4 Jahren ist das siebte Studioalbum von Nightwish nun endlich zu haben. “Imaginaerum” ist jedoch nicht nur ein Musikalbum – es ist auch der Soundtrack zum 2012 erscheinenden, gleichnamigen Film. Und das hört man auch.
Bereits das erste Lied macht klar: Was man da gerade hört ist nicht einfach ein Musikalbum, es versucht gleichzeitig ein Soundtrack zu sein. Und so kommt es, dass Nightwish ihrem neuen Album mit Taikatalvi ein sauberes, wenn auch nicht unbedingt aufregendes Intro verpassen. Direkt danach folgt mit Storytime der wohl poppigste Track des ganzen Albums. Ähnlich wie Amarenth des letzten Albums Dark Passion Play lässt sich auch dieser Song höchstwahrscheinlich gut als Single verkaufen, passt aber nicht wirklich zum Rest des Albums und wird nach dem dritten mal Hören auch langweilig. Man sieht schon: Der Einstieg in Imaginaerum könnte spannender sein.
Trotzdem sollte man jetzt noch nicht aufgeben – schließlich folgt mit Ghost River endlich eine würdige Eröffnung des Albums. Ein bombastisches Intro eröffnet den Song, gefolgt von Anette’s zarter Stimme. Doch es dauert nicht lange, da stürzt sich der Song in einen wunderbar düsteren Refrain im typischen Nightwish-Stil. Während Ghost River hört man auch zum ersten mal den unheimlichen Kinderchor, der während des Albums immer wieder Einzug findet.
Weiter geht es mit Slow, Love, Slow, das seinem Namen gerecht wird. Das Interessanteste an diesem Song sind wohl die für Nightwish untypischen Jazz-Elemente, der Rest ist langweilig. Nach mehr als 5 Minuten endet Slow, Love, Slow mit dem einsamen Geräusch einer Pendeluhr, doch plötzlich: Gitarrenriff! Wir sind beim 5. Song des Albums – I Want My Tears Back, welches mit seinem sehr eingängigen Refrain und einem länglichen Instrumentalteil wunderbar auf meinen persönlichen Höhepunkt des Albums vorbereitet: Scaretale
Scaretale eröffnet mit gruseligen Orchesterklängen und dem bereits aus Ghost River bekannten Kinderchor, gefolgt von atmosphärischen Klängen, die ein wenig an eine Horrorfilmversion eines Zirkus erinnern. Danach setzt wieder das Orchester ein, diesmal begleitet vom richtigen Chor. Es folgt der einzige Einsatz von Double Bass Drums im gesamten Album und auch der Gesang klingt wunderbar bösartig. Wie bereits Slow, Love, Slow macht auch Scaretale seinem Namen alle Ehre – diesmal aber im guten Sinne. Und wie es sich für ein 7:32 langes Stück gehört, hat Scaretale natürlich auch einen interessanten Mittelteil: gruselige Zirkusmusik vom Feinsten!
Danach begibt man sich mit Arabesque, dem ersten Instrumental des Albums, auf eine Reise. Nach den jazzigen Klängen von Slow, Love, Slow gibt es diesmal orientalische Musik. Man sieht schon: An Abwechslung mangelt es Imaginaerum wirklich nicht. Als Nächstes folgt mit Turn Loose The Mermaids die erste gute Ballade des Albums, untermalt von den Trommeln aus Arabesque.
Es wird wieder schwer. Mit Rest Calm folgen brachiale Gitarrenklänge, nur unterbrochen von einem melodischen und fast schon verträumten Refrain. Zwar sind beide Teile sehr gelungen, doch irgendwie wirkt es, als hätte man hier zwei Songs in einen gepackt. Danach gibt es mit The Crow, the Owl and the Dove die zweite und meiner Meinung nach bessere Ballade des Albums – diesmal mit mehr Gitarren. Doch wirklich gut wird das Album erst wieder mit Last Ride of the Day, welches vor allem durch seinen großartigen Refrain und die treibende Perkussion für mich zusammen mit Scaretale zum besten Lied des Albums wird.
Wir nähern uns dem Ende, doch etwas fehlt noch für ein richtiges Nightwish-Album: Das epochale Stück mit mehr als 10 Minuten. Hier kommt Song of Myself ins Spiel, welches mit seinen 13 Minuten Länge und dem Orchesterintro auf den ersten Blick genau in diese Kategorie fällt. Und tatsächlich gibt es 7 Minuten lang ein wunderbar episches Feuerwerk, doch dann schwingt das Lied plötzlich um und für die zweite Hälfte gibt es gesprochene Monologe und Hintergrundmusik. Das wäre zwar ein guter einminütiger Mittelteil gewesen und macht mit dem dazugehörigen Film vielleicht auch Sinn, ist aber definitiv zu lang. Zum Ende gibt es mit Imaginaerum das zweite Instrumental des Albums. Vor dem inneren Auge läuft der Abspann des Films, im Kino wird’s wohl genau so werden.
Alles in Allem ist Imaginaerum ein stimmungsvolles und extrem abwechslungsreiches Album. Mit dieser Vielfältigkeit ist zwar der eine oder andere Griff ins Klo verbunden, gleichzeitig sorgt sie aber auch dafür, dass das Album auch nach häufigem Hören nicht langweilig wird.
